Kann eine KI ‚die härtesten Bezahlschranken überwinden‘?

Im Juni 2024 hat die Schwyzer Ständerätin den Bundesrat in einer Interpellation (Biblionetz:t32003) gefragt: [...] KI-Anwendungen der generativen Künstlichen Intelligenz bedienen sich journalistischer Inhalte und geben diese in gewünschter Form wieder (z.B. …

 

Im Juni 2024 hat die Schwyzer Ständerätin den Bundesrat in einer Interpellation (Biblionetz:t32003) gefragt:

[...]
KI-Anwendungen der generativen Künstlichen Intelligenz bedienen sich journalistischer Inhalte und geben diese in gewünschter Form wieder (z.B. in KI-Chatbots).
[...]
Ist sich der Bundesrat bewusst, dass Bezahlschranken teilweise nicht ausreichen, um Inhalte und damit das Geschäftsmodell der Medienschaffenden zu schützen, da diese durch künstliche Intelligenz umgangen werden?
 
Quelle: Interpellation 24.3616 "Medien und künstliche Intelligenz, Hervorhebung von mir

Diesen Donnerstag wurde das Thema in einem ganzseitigen Artikel in der NZZ (Biblionetz:t32002) aufgenommen:

[...]
Perplexity, eine Konversations-Suchmaschine, die auf dem Open-AI-Modell GPT-3.5 basiert, geht noch weiter. Es klaut sich seine Informationen auch hinter den härtesten Bezahlschranken zusammen.

Petra Gössi macht einen sehr spezifischen Test. Sie fragt die Maschine nach der Diskussion um das Verwaltungs- und Sicherheitsgebäude Kaltbach. Die Frage, ob sich der Kanton Schwyz einen Neubau für fast 140 Millionen Franken leisten soll, beschäftigt ausserhalb des Kantons kaum jemanden. Ausser den lokalen und regionalen Medien berichtet niemand darüber.

Perplexity fackelt nicht lange. Nach wenigen Sekunden liefert die KI-Anwendung eine Zusammenfassung aller Pro- und Contra-Argumente. Die
Hauptquelle ist offensichtlich der «Einsiedler Anzeiger». Die Online-Inhalte der Regionalzeitung sind streng passwortgeschützt und dürften eigentlich nur zahlenden Kundinnen und Kunden zugänglich sein. Doch beinahe der gesamte Inhalt des Artikels ist in der Antwort von Perplexity zu lesen.
Quelle: NZZ vom 26.09.24, Seite 9, Hervorhebung von mir

Weder in der Interpellation von Petra Gössi noch im NZZ-Artikel wird erklärt, wie genau die KI die härtesten Bezahlschranken überwinden können soll. Ich habe den Verdacht, dass die Crawler der Chatbot-Unternehmen gar keine Bezahlschranken überwinden müssen, weil die Medienunternehmen den Bots von Suchmaschinen oft bereitwillig den Content zur Verfügung stellen, um in Suchen gefunden zu werden. Somit kann es gut sein, dass die Chatbot-Crawler genauso leicht zum Content der Zeitungen kommen.

Ich habe deshalb sowohl Petra Gössi als auch die eine Autorin auf LinkedIn gefragt, wie denn Chatroboter die Bezahlschranken technisch überwinden würden. Bisher hat mit erst Christina Neuhaus geantwortet und eigentlich meinen Verdacht bestätigt:

Die Verlage senken die Schranken unter anderem deshalb selbst, damit Google auf sie zugreifen und die sogenannten Snippets herstellen kann. Ohne Snippets kein Traffic per Google-Suche...
Quelle: LinkedIn

Ja, funktionierende unabhängige Medien sind wichtig für die Demokratie und die digitale Transformation bedroht das bisherige Geschäftsmodell von traditionellen Medienunternehmen, generative Maschine-Learning-Systeme noch stärker (Biblionetz:a01289). Unter dem Stichwort Leistungsschutzrecht (Biblionetz:w02369) versuchen Medienunternehmen in verschiedenen Ländern schon länger mehr oder weniger erfolglos, Technologiegiganten zur Zahlung der Contentnutzung zu bewegen. Ich nehme die aktuelle Diskussion als eine Neuauflage der Leistungsschutzrechts-Diskussion wahr.

An dieser Neuauflage stört mich, dass sowohl Petra Gössi als auch die NZZ insinuieren, die "KI" hätte seltsame Zauberkräfte, um "härteste Bezahlschranken" zu überwinden. In meiner aktuellen Wahrnehmung hat sich technisch praktisch nichts geändert, es bleibt weiterhin ein ökonomisches und juristisches Thema - die "KI" hat diesbezüglich keine neuen Zauberkräfte.

Warum stört mich das? Es schient mir angesichts der aktuellen Bedeutungszunahme von machine learning (Biblionetz:w02863) einerseits relevant, dass die Potenziale und Herausforderung dieser Technologie möglichst realistisch beschrieben und weder in die eine noch in die andere Richtung verklärt werden. Andererseits erwarte ich sowohl von Politik als auch von Medienunternehmen ehrliche Argumentationen, insbesondere, wenn es um die Bedeutung von Medienunternehmen für die Information der Öffentlichkeit geht.

-- Main.BeatDoebeli - 29 September 2024

 

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