In Diskussionen zur Frage, wie Lernen angesichts der digitalen Transformation gefördert werden kann, treffen oft zwei diametrale Haltungen aufeinander: Die einen behaupten Menschliches Lernen ändert sich nicht! und die anderen betonen Menschliches Lernen hat sich aufgrund der Technologie bereits massiv verändert!
Beide Sichtweisen werden oft verabsolutiert und führen so zu Trugschlüssen:
Während die einen meinen, es müsse sich nichts ändern und es sei auch keine neue Forschung nötig, weil ja nichts geändert habe, vertreten andere die Sichtweise, alles werde komplett anders und man könne noch gar nichts sagen, weil man ja noch keine Untersuchungen zur neuen Situation habe. Aus meiner Sicht haben beide Sichtweisen recht und liegen falsch.
Ich nehme die Situation folgendermassen wahr:
Einerseits: Menschliches Lernen ändert sich nicht. Das Gehirn des Menschen funktioniert seit Jahrtausenden praktisch unverändert:
- Biblionetz:a00984 Lernen ist ein aktiver Prozess.
- Biblionetz:a00984 Lernen ist ein selbstgesteuerter Prozess.
- Biblionetz:a00986 Lernen ist ein konstruktiver Prozess.
- Biblionetz:a00987 Lernen ist ein situativer Prozess.
- Biblionetz:a00988 Lernen ist ein sozialer Prozess.
- Biblionetz:a00430 Aufmerksamkeit fördert Lernen. (d.h. auch: Ablenkung schadet.)
- Biblionetz:a01146 Genügend Schlaf fördert Lernen.
Diese und weitere Eigenschaften und Voraussetzungen für Lernen sind seit langem gültig und wurden durch analoge oder digitale Werkzeuge und Medien der Menschheit nicht verändert.
Andererseits: Der Kontext, für und in dem menschliches Lernen stattfindet, verändert sich. Und zwar massiv.
- Es verändert sich die Welt, in der wir leben. Unsere Welt hat andere Herausforderungen als früher. Dies erfordert andere fachliche Kompetenzen und andere Umgangsweisen in unserer Welt (überfachliche Kompetenzen).
- Es verändert sich, was automatisierbar ist und deshalb meist nicht mehr durch Menschen gemacht wird. Dies bedeutet noch nicht zwingend, dass es nicht trotzdem sinnvoll ist, zu wissen, wie man das Automatisierte auch von Hand machen könnte. Aber es verändert Tätigkeiten.
- Es verändern sich Arbeitsabläufe durch digitale Werkzeuge. Das Schreiben eines Textes von Hand auf Papier erfordert z.B. eine andere Arbeitsweise als das Schreiben eines Textes am Computer.
- Es verändert sich, welche Hilfsmittel uns zur Unterstützung des Lernens zur Verfügung stehen.
Damit verändert sich, wofür, was und mit welchen Hilfsmitteln wir lernen.
Somit gilt es bei jeder neuen Technologie (aktuell: Generative Machine-Learning-Systeme) zu untersuchen, wie sich dadurch die Welt und damit die notwendigen Kompetenzen ändern, und welche Potenziale und Gefahren diese Technologien für den Lernkontext bieten im Wissen darum, dass die Lernprozesse des Menschen im engeren Sinne unverändert bleiben. Klingt banal, scheint aber in der Praxis schwierig.