Mit dem Master Learner zu mehr Selbstbestimmung

Mit dem Master Learner zu mehr Selbstbestimmung

Die Oberstufe Sonnenhof präsentiert ihr Produkt «Advanced- und Master-Learner». Die Idee dazu wurde in den letzten drei Modellschuljahren im One-to-One- und Blended Learning Setting ausgearbeitet.

Voraussetzung 1: One-to-One-Ausrüstung

Erste kleine, feine Wurzeln schlug unser Produkt «Advanced- und Master Learner» bereits am 19. Mai 2021, ein Jahr nach dem Corona-Lockdown und ein paar Monate vor dem Modellschul-Start. Auch wenn wir es damals noch nicht so genannt hätten. Denn eigentlich führten wir an unserer Schule einfach einen Distance-Learning-Day durch, um sicher zu sein: Wir sind gewappnet für eine mögliche nächste Episode von Corona oder ähnlichem.


Als Vorbereitung für diesen Tag hatten wir in Teams verschiedene Aufgaben je Fach erstellt. Vorgesehen war auch ein Slot «Selbstlernzeit». Wir waren bereits gemäss One-to-One-Konzept ausgerüstet. Alle Lernenden hatten ein iPad zur Verfügung. Gestartet waren wir am Morgen zum regulären Schulbeginn mit einem gemeinsamen Call, um sicherzugehen, dass alle wach und präsent waren. Einige hatten miteinander abgemacht und erschienen zu zweit auf dem Bildschirm. Danach starteten die Lernenden in den Arbeitsmorgen. Wir Lehrpersonen standen für Fragen zur Verfügung. Zwei, drei Lernende meldeten sich bei mir über den Teams-Chat. Der Rest der Klasse erledigte die Arbeiten allein oder im Team. In der «Selbstlernzeit» (SLZ) führten die Lernenden Protokoll über die erledigten Aufgaben.


Das Fazit des Distance-Learning-Vormittags war sehr positiv: Die Lernenden hatten gut gearbeitet, sie waren sehr fleissig und die Mehrzahl war deutlich schneller fertig mit den Aufträgen als im Unterricht vor Ort – sowohl in den inhaltlich vorgegebenen Arbeitsslots wie auch in der Freilernzeit; sie haben in weniger Zeit einiges mehr geleistet als üblich. Die Lernenden fanden es entlastend, nicht so früh aufstehen zu müssen. Der Homeschooling-Morgen kam auch gut bei den Eltern an, sie haben es geschätzt, dass die Abläufe funktionierten.


Wieso also nicht öfters solche Arbeitsgelegenheiten schaffen? Wäre es nicht möglich, die «Selbstlernzeit» vor Ort auch mal zu Hause stattfinden zu lassen?

Die «Advanced-Learners» dürfen Musik hören in selbständigen Arbeitsphasen und nach Absprache mit der Lehrperson auf dem Gang arbeiten.

Den Ausweis «Master of Learning» kann beantragen, wer mindestens ein halbes Jahr ununterbrochen den Status des «Advanced Learner» hatte.

Voraussetzung 2: Blended Learning Know-how

Im Rahmen des One-to-One- und Blended Learning Setting im Modellschulprojekt haben wir dann verschiedene Zugänge kennengelernt, wie Lernende selbstständig und im Team digital und analog arbeiten können.


Nach einem kurzen Input durch die PHSG zum Thema «Selbstgesteuertes Lernen» mit dem Ziel, dass Lernende Verantwortung für das eigene Lernen und Handeln übernehmen, sich eigene Ziele setzen, Wege und geeignete Mittel und Methoden finden, die für den eigenen Lernweg und die eigenen Möglichkeiten sinnvoll sind, war die Idee des Advanced- und Master-Learner-Systems geboren. Das Konzept dahinter: Lernende dürfen, sofern sie gewissen Regeln einhalten können, den Ort ihrer «Selbstlernzeit» selbst bestimmen – und zwar nicht nur im Schulhaus, selbst sondern eben auch beispielsweise zu Hause.

Ein Vertrag regelt die Bedingungen.


Grundlagenentwicklung: Minimalstandards, Verträge, Ausweise

Wir haben eine Systematik entwickelt und Grundlagen wie Verträge mit den Lernenden und Ausweise, um die Lernenden Schritt für Schritt an die Selbstständigkeit heranzuführen. Als ersten Schritt erreichen die Lernenden den Status des «Advanced Learners». Um diesen Status zu erlangen, müssen sie folgende Minimalstandards erreichen:

  • Ich spreche leise mit meinen Banknachbarn und nur wenn nötig.
  • Ich arbeite immer nur an dem, woran ich gerade arbeiten sollte.
  • Ich folge dem Unterricht konzentriert.
  • Ich halte mein Material zu Lektionsbeginn bereit.
  • Ich benutze mein iPad nur mit Erlaubnis der Lehrperson.
  • Ich nehme aktiv am Unterricht teil.
  • Ich halte mich an die Schulhausregeln betreffend Lektionsbeginn, Handy, Kaugummi und Kleiderordnung.


Wer diese Standards einhält, bekommt einen entsprechenden Ausweis und darf Musik hören in selbständigen Arbeitsphasen und nach Absprache mit der Lehrperson auf dem Gang arbeiten.


Den Ausweis «Master of Learning» kann beantragen, wer mindestens ein halbes Jahr ununterbrochen den Status des «Advanced Learner» hatte. Mit dem «Master of Learning» können Lernende zusätzlich zu Hause arbeiten (Möglichkeit: Mittwoch ab 10 Uhr in der SLZ, kann auch häufiger sein). In Absprache mit der Klassenlehrperson können diese Lernenden eigene Settings gestalten, wie und wann gearbeitet wird.

Potenzial erkennen und nutzen

Mit der One-to-One-Ausrüstung und dem Entscheid, als Modellschule im Blended-Learning-Setting mitzuwirken, hatten wir den Grundstein gelegt für die Ausarbeitung dieses Advanced- und Master-Learner-Konzeptes. Die Modellschuljahre mit One-to-One und Blended Learning haben uns aber auch aufgezeigt, wo wir überall noch Potenzial haben und dass unsere aktuelle Schulstruktur nicht mehr passt, um die in den letzten Jahren entwickelten Ideen und Konzepte auch sinnvoll für Lernende und Lehrende umzusetzen. Die Modellschuljahre und die Einführung von One-to-One waren für uns Auslöser, einiges zu überdenken und neu definieren – siehe auch den zITBOx-Artikel «Wie weiter nach den Modellschuljahren? Erste Spuren in die Zukunft.»

Ich darf hier arbeiten und Musikhören: Der «Advanced Learner» als erster Schritt in Richtung Übernahme von mehr Selbstverantwortung fürs Lernen.

Strukturelle Anpassung und Schulentwicklung

Aktuell genutzt werden von Master-Learnern für die freie Wahl des Lernorts vorerst die Doppelstunde «Selbstlernzeit» am Mittwochmorgen zwischen 10 und 12 Uhr. Wir befinden uns aber mitten in einer strukturellen Schulentwicklungsphase: Wir sprechen über das Anpassen von Schulzeiten, Schulorten, das Aufbrechen von starren Stundenplänen und vieles mehr. Ein Ziel wird sicher sein, das Konzept des Advanced und Master Learners so weiter auszubauen, dass mehr Zeitgefässe für «Selbstlernzeit» möglich sind. Wir wollen noch stärker in Richtung Flipped Classroom denken – ein spannendes Blended-Learning-Thema: Die Lernenden eignen sich Unterrichtsinhalte selbstständig zu Hause an, mittels Skript von der Lehrperson, Erklärvideos etc. Im Unterricht wird dann mit passenden Aufgaben geübt, vertieft und die Transferleistung erbracht. Die Lernenden können im eigenen Tempo lernen – unabhängig vom Ort – und dann eigenständig oder in der Gruppe in der Schule an der Anwendung des Wissens arbeiten. Ich als Lehrperson stehe den Lernenden bei Bedarf als Coach zur Seite, kann unterstützen, wo nötig und behalte so die individuellen Lernfortschritte besser im Blick.

HomeOffice für Lehrpersonen?

Und wir haben als Idee auch schon mal daran gedacht, einmal im Monat einen Distance-Learning-Morgen einzuführen. Also Fernunterricht für Lernende – und HomeOffice für Lehrende.

Beat Gächter

Entwickler Modellschule OS Sonnenhof

Oberstufenlehrperson

beat.gaechter@swil.ch

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